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Loszulassen fällt vielen schwer!
19. Juli 2017
19. Juli 2017 | Österreichischer Gewerbeverein

Wenn der unternehmerische Freitod zu spät kommt.

von Stefan Hupe

Nicht mehr gebraucht zu werden, erschreckt viele Menschen. Alleine der Gedanke, von vertrauten Menschen verlassen zu werden oder der Gedanke, alt zu werden, bereitet häufig schlaflose Nächte.

Ein Szenario, das jeder Unternehmerin und jedem Unternehmer irgendwann einmal ins Haus steht, ist der Zeitpunkt der Unternehmensnachfolge: Die alte Garde soll abtreten und eine neue das Regiment übernehmen; sofern es denn überhaupt eine neue Garde gibt ... Manchmal kommen Unternehmen heute gar nicht mehr so weit. Denn urplötzlich sind die Unternehmen selbst überflüssig.

Kein Kunde klopft mehr an die Tür. Der Geldstrom auf dem Konto kommt zum Erliegen. Pleite! Digitalisierung. Digitalisierung. Für mache Unternehmen ein Strohhalm, an dem sie hoffen, sich doch noch einmal emporziehen und dann gleich in den Himmel der Giganten aufsteigen zu können, vielleicht sogar den Weltmarkt zu erobern – und am Ende, wie durch einen Flug zum Mars, die Menschheit zu retten. Für manche Unternehmen aber auch ein Damokles-Schwert oder gar der Sargnagel, da ihnen die Existenzgrundlage unter den Füßen weggezogen wurde.

 

 

Die anfassbare Welt verschwindet

Die Digitalisierung führt zu einer Entstofflichung der realen, der anfassbaren Welt.

Viel Altgewohntes ist schon verschwunden und wir erinnern uns nur noch schwach daran, dass es das gegeben hat. Junge Menschen, die es gar nicht anders kennen, haben diese Erinnerungen nicht mehr:

  • Brockhaus -> Wikipedia.
  • Briefe -> E-Mail.
  • Fernsehen -> YouTube
  • Netflix oder Amazon Prime.
  • Radio oder Schallplatte -> Spotify oder AppleMusic
  • Tidal. Geschäftsreise -> Skype-Meeting.

Diese Auflistung ließe sich beliebig fortsetzten. "Sie brauchen digitale, bahnbrechende (disruptive) Geschäftsmodelle, sonst ist Ihr Unternehmen morgen tot!"

Diese - mehr oder weniger offensichtliche - Drohung wird uns UnternehmerInnen von den BeraterInnen, der Politik und den Medien gerade immer wieder unter die Nase gerieben. Sind wir mit unseren Unternehmen nun wirklich durch die Digitalisierung bedroht?

Sind wir morgen tot? Oder öffnet sich gerade für uns der Himmel und wir werden alle Millionäre?

 

 

Tatsachen

Nun, kommen wir mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Ja, es wird Unternehmen geben, die durchstarten und abheben werden. Wenige.
Ja, es wird Unternehmen geben, die sich irgendwie unspektakulär durchschlagen werden. Manche.
Ja, es wird Unternehmen geben, die es morgen nicht mehr geben wird. Viele.

Das gehört zum Geschäft wie zum Leben leider dazu. Wir werden nicht ewig leben; weder als Mensch, noch als Unternehmen. Durch die globale Kommunikation ist uns der Sieg eines brasilianischen Tänzerpaares in der Samba in Rio genau so nahe, wie der Sturz eines Kindes in der Nachbarschaft von der Schaukel. Wir bekommen aus allen Ecken der Welt Informationen, während uns noch vor wenigen Jahren ausschließlich Informationen aus unserer unmittelbaren Region zur Verfügung standen und uns berührten.

Wir reisen in alle Welt und lernen andere Menschen, Produkte und Kulturen kennen und integrieren deren Bräuche und Küche schnell in unsere eigenen.
Wir produzieren, kaufen und verkaufen Produkte auf dem ganzen Planeten.
Wir arbeiten mit Menschen auf der ganzen Welt zusammen und die Welt ist seit vielen Jahrzehnten sogar bei uns daheim oder in der Nachbarschaft angekommen.

Gleichzeitig hat sich unsere Arbeitswelt auch stark gewandelt. Wir sind so effizient und leistungsfähig geworden, dass wir für die Herstellung der Produkte und die Bereitstellung der Dienstleistungen, die wir zum Leben und Überleben in unserer Gesellschaft brauchen, immer weniger und weniger Menschen benötigen. Die Technik hat hier den Menschen in vielen Bereichen einfach überflüssig gemacht.

Der Traum der Vollbeschäftigung ist zur Lüge geworden. Wir müssen uns einfach damit abfinden, dass die große Mehrheit der Menschen in Europa nicht mehr für die Wirtschaft benötigt wird und wir uns dringend überlegen müssen, wie wir diesen Menschen einen würdigen Platz geben können.

Wo ist noch Platz für uns UnternehmerInnen?

Die Veränderung in der Zusammenarbeitskultur alleine reicht nicht, wenn sich Roboter zu Arbeitsgruppen zusammenschließen und beginnen, eigenständig Aufgaben zu lösen, ohne dass ein Mensch (auch wir als Chefs) Anweisungen erteilen oder eingreifen muss. Science Fiction? Das mag so klingen, ist jedoch im automatisierten Börsenhandel und in vielen anderen Bereichen schon State of the Art. Die Konzepte des Internets der Dinge, emergente (sich spontan selbst organisierende) technologische Systeme zu schaffen, die den Menschen mühsame Arbeit abnehmen und es ihnen ermöglichen, ein bequemeres Leben zu führen, durchdringen gerade alle Bereiche unseres Lebens.

Wir sehen davon nur die Spitze des Eisberges:

Zum Beispiel eine Wohnzimmerlampe, die wir über unser Handy oder sogar vollautomatisch unser SmartHomeSystem steuern können, oder die automatische Bestellung über das Internet, die sich innerhalb weniger Stunden vor unserer Tür einfindet. Unter der Haube passiert gerade so viel, dass wir uns, wenn wir in wenigen Jahren zurückblicken werden, über die Dynamik und das Ausmaß nur wundern werden.


Wir leben in einer der spannendsten Zeiten seit Beginn der industriellen Revolution,
in der sich momentan so gut wie alles verändert: unsere Gesellschaft, unsere Politik, unsere Technologie, unser Leben und auch unsere Unternehmen. Ich weiß von Unternehmen, die sogar daran arbeiten, nicht nur den Menschen als Arbeitskraft aus dem Wirtschaftskreislauf zu entfernen und durch Roboter oder Software zu ersetzten, sondern die ihn auch als Kunden durch technische Systeme eliminieren, die dann sogar eine - eingeschränkte - Rechtspersönlichkeit erhalten: ein selbstfahrendes Auto kann sich schließlich selbst die Energie an der Tankstelle kaufen.

 

 

Loslassen! Neues anfangen!

Wir mögen es nicht sehen.
Wir mögen es nicht hören.
Wir mögen es nicht wahr haben wollen.
Aber tatsächlich ist es da. Und es ist gewaltig.

Wie lautet nun der Rat, den ich Ihnen mit auf den Weg geben würde?

Gehen Sie raus in die Welt. Seien Sie neugierig. Reisen sie viel.

Sprechen sie mit anderen Menschen und UnternehmerInnen. Seien Sie experimentierfreudig. Lernen Sie. Seien Sie skeptisch gegenüber jedem Hype - sie müssen ihn nicht mitgehen.

Machen sie etwas Sinnvolles und Verantwortungsbewusstes.

Seien Sie bereit, loszulassen. Ja, es fällt schwer. Denn es könnte auch bedeuten, dass sie ihr Unternehmen bewusst und kontrolliert in den „Freitod“ führen müssen, weil das Alte keine Existenzberechtigung mehr hat. Aus den freigewordenen Bausteinen können sie dann etwas Neues schaffen und ein neues, vielversprechenderes Haus bauen. Schließlich ist ein gravierender Unterschied, in Insolvenz gezwungen zu werden oder bewusst etwas Neues zu schaffen, solange Sie noch Gestaltungsspielraum haben.

 

 

Über den Autor

Stefan Hupe hat das Glück, mit zahlreichen einflussreichen Menschen aus der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft sprechen zu dürfen. Er ist Fragensteller, Denker, Gesprächspartner, Redner und Erklärer. Er ist zudem Mit-Inititator und Ambassador des Vereins IoT Austria - The Austrian Internet of Things Network (www.iot-austria.at). Diesen Artikel entstand auf einer der vielen Reisen durch eine veränderliche, sich digitalisierende Welt - in Portoroz, Slowenien, Europa. inkl Leerzeichen: 496 Hinweis: es müssen nicht alle Fotos im Ordner verwendet werden. Vorschlag: Bereich „Digitalisierung“ könnte das Foto „ Im possible“ verwendet werden. Bereich „Loslassen! Neues Anfangen“ Bild „think outside the box!“. WICHTIG! Wenn der Artikel gesetzt ist dann bitte eine Druckfahne an Stefan Hupe stefan.hupe@campanori.de zur Freigabe schicken. Vielen Dank!